Wer oder was ist das Solar Cluster?
Andreas Schlumberger: Kurz gesagt ist das Solar Cluster der Interessenverband der Solarbranche in Baden-Württemberg. Der damalige grüne Landesumweltminister Franz Untersteller hat den Verein 2012 mit einer Handvoll Herstellern und weiteren Einrichtungen ins Leben gerufen, um einen stetigen Austausch mit der Politik zu gewährleisten. Neben Unternehmen aus der damals noch gut aufgestellten heimischen Industrie gehörten das Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoff-Forschung (ZSW) und das Fraunhofer ISE zu den Gründungsmitgliedern.
Wie wird das Solar Cluster finanziert?
Dank der Landesförderung konnte das Netzwerk einen hauptamtlichen Geschäftsführer beschäftigen. Ich bin seit September 2023 der dritte. Jann Binder wahrt als Vize seither ununterbrochen die Kontinuität. Er arbeitet in Personalunion beim ZSW und beim Solar Cluster und bringt enorme Fachkompetenz in Sachen Netzinfrastruktur ein.
Wie viele Mitglieder hat der Verein heute?
Einerseits ist der Verband gut gewachsen. Andererseits haben nicht alle Hersteller den Wandel überlebt, sodass wir aktuell bei rund 75 Mitgliedern stehen. Darunter finden sich zunehmend Projektierer oder Installationsbetriebe. Sie verfügen über eine gewisse Mindestgröße, die es ihnen erlaubt, Zeit zu investieren und ihr Know-how einzubringen.
Gibt es noch neue Anmeldungen?
Aktuell kommen neue Partner wie die Stadtwerke Stuttgart hinzu, sodass der Verband die gesamte Wertschöpfungskette repräsentiert. An uns stellt das die Aufgabe, welche Angebote wir machen müssen und welchen Nutzen wir stiften können, um die Mitglieder gut zu vertreten und für neue attraktiv zu sein. Was uns sehr hilft, ist die Kontinuität in der Vereinsführung und im Beirat sowie die hohe Zahl renommierter Akteure, die die Solarbranche in Baden-Württemberg prägen.
Bisher standen Landesmittel zur Verfügung. Wie geht es mit der Finanzierung weiter?
Sie gestaltet sich komplex, weil sie historisch mit den Aufgaben gewachsen ist. So mussten wir unsere Mitgliedsbeiträge zum Jahreswechsel nach acht Jahren um 50 Prozent erhöhen. Denn wir mussten die Inflation der vergangenen Jahre ausgleichen sowie unabhängiger von Fremdfinanzierungen werden. Nur dann sind wir glaubwürdig.
Wie hoch sind die Beiträge Ihrer Mitglieder aktuell?
Für ein Unternehmen bis vier Millionen Euro Umsatz liegt der Beitrag bei 750 Euro im ersten Jahr und danach bei 1.500 Euro. Wenn man weiß, dass wir in der Dachorganisation fünf Leute sind, Büros brauchen und reisen müssen, erkennt man die Relationen.
Gibt es andere Einnahmen?
Eines unserer Kernprojekte ist das 2018 gegründete Photovoltaik-Netzwerk Baden-Württemberg, das vom Land gefördert wird. Das Netzwerk ist in zwölf Regionen des Landes aktiv, also nah bei den Menschen. Die Zentrale, die landesweite Koordination der Teilnetzwerke, sitzt im Solar Cluster in Stuttgart und arbeitet eng mit der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA) zusammen.
Welche Aufgaben haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Netzwerks?
Hauptaufgabe der Mitarbeiter im Solar Cluster und der knapp 90 Haupt- und Ehrenamtlichen ist es, Information und Aufklärung zur Solarenergie in die Breite zu tragen – etwa über Veranstaltungen, Webinare, Videos oder Leitfäden. Als Beispiel wäre die aktuelle Broschüre zur Photovoltaik in der Landwirtschaft zu nennen. Zwei Regionen betreut die Zentrale direkt: Heilbronn/Franken und Ostwürttemberg, weil dort keine Struktur vor Ort verfügbar ist. Und natürlich profitieren die Aktiven im Netzwerk und die Mitglieder des Solar Clusters vom Know-how und Erfahrungen aus der Praxis.
Gibt es weitere Finanzierungsquellen?
Sie stützen sich auf den Kooperationsvertrag mit der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg (PEE), die 2019 gegründet wurde. Sie kümmert sich um die Koordination und Vernetzung mit den anderen Technologien, also Windkraft, Biogas, Geothermie, Wasserkraft und Holz. Das reicht bis in die Wärme und Wasserstoff hinein. Zum Beispiel soll in Philippsburg am früheren Atomkraftwerk ein großer Elektrolyseur entstehen. Die PEE liefert hierfür das Konzept. Meine Stelle als Geschäftsführer wird anteilig über diese Plattform finanziert. Umgekehrt arbeitet das Solar Cluster der Plattform zu, damit dort die Solarbranche im Chor der Erneuerbaren vertreten ist.
Sie erwähnten die Klimaschutzagentur KEA. Wie gestaltet sich die Kooperation mit diesem Partner?
Mit der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg haben wir eine weitere Kooperation und damit Teilfinanzierung unserer Arbeit: Sie betreibt die Öffentlichkeitsarbeit für das Photovoltaik-Netzwerk. In ihrem Umfeld sind mehr als 400 Institutionen und Unternehmen aktiv, zum Beispiel regionale Gesellschaften zur Wirtschaftsförderung und Kreissparkassen. Die enge Verzahnung macht unterm Strich die Wege kurz und das Wissen durchgängig. Mittelfristig wollen wir zudem noch Einnahmen durch Beratungen erzielen.
Sie bilden vor allem die Schnittstelle zwischen der Solarbranche und der Politik. Welche Aufgaben haben Sie?
Das ist ein zentraler Punkt. Wir versuchen, den rechtlichen Rahmen für den Solarausbau günstig zu gestalten. Wir können Politikern generell Anregungen geben, wie sie Vorgaben gestalten können, damit Photovoltaik einfacher zu installieren und schneller ans Netz zu bringen ist. Akteure der Branche unterstützen wir, ihre Lösungen noch besser an öffentliche Bedarfe anzupassen. Aktuell identifizieren wir landesweit Solarparks, die die Landesanstalt für Umwelt (LUBW) für die Bestandsentwicklung der Feldlerche auswerten kann. Diese Art wird auf der Roten Liste als gefährdet geführt und ihr Hauptverbreitungsgebiet liegt in Baden-Württemberg. Die LUBW hat einen Kriterienkatalog erstellt, um geeignete Solarkraftwerke zu identifizieren.
Wie sieht das konkret aus?
Unsere Aufgabe ist es, aus unserem Netzwerk die Freiflächen zu benennen, die diesem Kriterienkatalog entsprechen. Anhand derer lässt sich die Bestandsentwicklung der Feldlerche untersuchen. Ziel ist eine Handreichung für Projektierer und Behörden, um Genehmigungen zu beschleunigen und zugleich gute Bedingungen für den Schutz der Feldlerchen zu schaffen. Das muss einfacher und schneller gehen.
Und wie arbeitet das Photovoltaik-Netzwerk?
Letztlich sind zwei Gruppen im Photovoltaik-Netzwerk aktiv: Eine Gruppe arbeitet zentral an der landesweiten Koordination. Hier werden regional übergreifende Themen gesetzt, hier wird sozusagen der Fahrplan entwickelt. Die große andere Gruppe sind die Akteure in den jeweiligen Regionen, die im Austausch mit Privatleuten, Unternehmen oder Kommunen Projekte vorantreiben. Im Gegenzug erhalten wir im Solar Cluster tiefe Einblicke in die Praxis und lernen auch aus Widerständen oder Fehlern vor Ort. Wir können entsprechende Experten vermitteln. Sehr viel ist tatsächlich Beratung und die Weiterbildung von Multiplikatoren.
Sie verbreiten gute Stimmung. Die Branche neigt jedoch zur Klage. Was stimmt Sie optimistisch?
Wir verzeichnen in Baden-Württemberg seit Jahren kontinuierliches Wachstum und haben 2024 erstmals den Zubau von zwei Gigawatt überschritten. Natürlich laufen dabei nicht alle Segmente gleich gut. 2023 waren die Privatdächer das Zugpferd, 2024 wurden Gewerbedächer stärker. Manche Installationsbetriebe haben sich auf ein Segment spezialisiert und ihre Kapazitäten hochgefahren. Im nächsten Jahr sind sie mit veränderter Marktlage konfrontiert. Die Auslastung geht zurück. Aus ihrer Perspektive ist die Branche in Gefahr.
Ist sie aber nicht, oder?
Die Entwicklung der Branche insgesamt ist nicht so schlecht, auch wenn wir in Teilen bittere Rückschläge verzeichnen müssen. Die stark ausgedünnte Landschaft der Hersteller ist ein bekanntes Beispiel. Eine Erfolgsstory ist dagegen die Sichtbarkeit der Balkonkraftwerke, von denen 2024 knapp 60.000 dazugekommen sind mit einer installierten Leistung von 57 Megawatt. Das waren 2,7 Prozent des gesamten Zubaus im Land.
Welche Aktivitäten stehen 2025 im Solar Cluster an?
Primär wollen wir den Austausch mit den Verantwortlichen in den Ministerien fördern, die unseren Themen grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Das Land will bis 2030 sämtliche seiner 8.000 Gebäude mit insgesamt 600.000 Quadratmetern Dachflächen mit Photovoltaik ausstatten. Dazu zählen viele Finanzämter, Polizeistationen, Hochschulen und so weiter. Ein Drittel der geplanten Anlagen wurde bereits realisiert.
Welche Veranstaltungen planen Sie in diesem Jahr?
Wir setzen verstärkt Veranstaltungen zur Information und Interaktion der Verbandsmitglieder auf unser Programm. Außerdem müssen wir unsere Öffentlichkeitsarbeit – neben der bereits sehr erfolgreichen Pressearbeit – weiter ausbauen. Die Transformation der Energiewirtschaft ist privatwirtschaftlich, eigeninitiativ und dezentral organisiert. Und sie ist ein Konjunkturprogramm für die heimische Wirtschaft, weil sie preisgünstigen Strom liefert. Das ist noch nicht genügend verstanden.
Welche Ausbauziele sind im Südwesten nötig?
Das Solar Cluster hat vier Gigawatt Zubau pro Jahr als das richtige Ziel für Baden-Württemberg errechnet. Das Land verfügt über zehn Prozent der Fläche Deutschlands, aber zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung. Aufgrund der hohen Industrialisierung verbraucht Baden-Württemberg 13 Prozent des deutschen Stroms. Vier Gigawatt wären nahezu eine Verdoppelung des Zubaus von 2024, aber schon 2026 machbar. Wir wissen zum Beispiel, dass die 44 Stadt- und Landkreise ihre Potenziale in der Photovoltaik erst zu fünf bis maximal 30 Prozent ausgeschöpft haben.
Ein Engpass sind die Freiflächen …
Das stimmt, weshalb den Gewerbedächern in unserem Bundesland eine Schlüsselrolle zukommt. Beiden Themen will sich die Landesregierung in diesem Jahr verstärkt widmen. Nicht nur, damit wir unsere Ziele erreichen, sondern damit die Unternehmen künftig Kostensicherheit bei der Beschaffung von Energie haben. Denn eigengenutzter Strom von großen Gewerbedächern ist gut für unter sechs Cent die Kilowattstunde zu erzeugen. Mit Speichern kombiniert lassen sich jederzeit teure Lastspitzen kappen. Dafür braucht es eben viel Information, Aufklärung und sinnvolle Konzepte im Strommarktdesign.
Braucht es mehr Planungssicherheit durch die Politik?
Der Erfolg hängt stark von der Politik nach der Bundestagswahl ab. Auch in konservativen Parteien muss Konsens herrschen, dass die Solarbranche nicht nur maßgeblicher Teil der Wirtschaft mit aktuell 400.000 Arbeitsplätzen ist, sondern die heimische Wirtschaft mit günstigem Strom am Laufen hält. Wenn eine neue Bundesregierung zunächst ausschließlich die Rettung der deutschen Automobilindustrie in den Fokus nähme, wären das verlorene Jahre. Denn auch Investoren im Strommarkt brauchen Klarheit und Rechtssicherheit.
Das Gespräch führte Leo Fromm.
https://solarcluster-bw.de/de/

Foto: Solar Cluster Baden-Württemberg