Die Photovoltaik hat in den letzten Jahren viel zur Energiewende beigetragen. Was kann die Politik beitragen, damit der Zubau weiter steigt?
Jörg Ebel: Wir erwarten von der künftigen Bundesregierung die Stabilisierung der Rahmenbedingungen. Wir erwarten eine Garantie für die Planungssicherheit. Wir erwarten konkrete Maßnahmen, damit der geplante Zubau bis 2030 auf 215 Gigawatt umgesetzt werden kann. Wir erwarten aber nicht nur, sondern wir haben auch konkrete Empfehlungen.
Der BSW-Solar hat ein Zehn-Punkte-Programm vorgelegt, wie der Zubau beschleunigt werden kann. Was fordert der Verband?
Die Bundesrepublik will bis 2030 auf eine installierte Leistung von 215 Gigawatt kommen. Es wird sportlich und nicht reichen, den Zubau von 17 Gigawatt des Jahres 2024 zu halten. Da würde dann noch eine Lücke im unteren zweistelligen Gigawattbereich klaffen. Diese wird sich nicht von allein schließen, sondern sich nur mit entsprechenden Maßnahmen zum Bürokratieabbau und der Abgabenentlastung verringern lassen.
Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig?
Die Zubaulücke zu schließen, ist kein Selbstzweck. Vielmehr ist es wichtig, sie zu schließen, um die Grünstromerzeugung zu stärken. Denn ohne Grünstrom werden die Strompreise nicht sinken. Ohne die Zunahme an Grünstromerzeugung werden wir entscheidende Wettbewerbsnachteile für unsere Wirtschaft und unsere Industrie erleiden und die Verbraucherinnen und Verbraucher werden konstant höhere Preise zahlen müssen. Und der schöne Nebeneffekt der Grünstromerzeugung ist: Sie ist auch noch gut für das Klima.
Die Union schielt eher auf die Atomenergie. Wird sich das negativ auf den Zubau der Photovoltaik auswirken?
CDU und die CSU wollen prüfen, ob die Kernenergie eine Option für die Stromversorgung in Deutschland sein kann. Ich bin relativ sicher, dass sie bei dieser Prüfung herausfinden, dass die Kernenergie die teuerste und langsamste Art und Weise ist, Strom zu erzeugen. Dazu kommt das Problem des Endlagers. Wir wissen, es gibt kein Neubauprojekt in der Europäischen Union, das nicht astronomische Kosten verschlingt und dessen Errichtung nicht sehr lange dauert. Wir haben aber weder das Geld noch die Zeit für die Kernenergie.
Was ist von der Regierung unter Friedrich Merz realistisch zu erwarten? Wovon gehen Sie aus?
Wir wissen, dass sich CDU, CSU und auch die SPD als wahrscheinliche Koalitionspartner für einen weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien aussprechen und einsetzen. Der Union ist dabei wichtig, dies möglicherweise noch breiter mit anderen Technologien zu machen. Das werden wir dann sehen. Wir sehen alle anderen erneuerbaren Energieformen als Partner der Photovoltaik. Deshalb ist es auch sinnvoll zu prüfen, was die Bioenergie, die Geothermie und die Wasserkraft leisten können. Denn die Kernaufgabe der Energiewende ist, so viel Grünstrom zu erzeugen, dass die Preise sinken.
Soll die Photovoltaik dabei eine zentrale Rolle spielen?
Die Photovoltaik wird der Kern dieser Transformation sein. Das hängt damit zusammen, dass sie nicht nur die günstigste Art und Weise ist, in Deutschland Strom zu erzeugen, sondern auch die beliebteste. Photovoltaik ist zudem die am besten speicherbare und heute schon am meisten gespeicherte Stromart. Und deswegen sind wir sicher, dass die künftige Bundesregierung unter Friedrich Merz sehr viel tun wird, um den Ausbau der Solarenergie weiter voranzutreiben.
Welche Regularien müssen dringend umgesetzt werden?
Wir empfehlen, das Hauptaugenmerk auf Bürokratieabbau und Steuererleichterung zu setzen. Wir haben noch bedeutende Potenziale, wenn man sich etwa die Genehmigung von Photovoltaikanlagen auf großen Dächern für Gewerbe und Industrie sowie für Freilandanlagen ansieht.
Wir erlauben uns heute noch Genehmigungsverfahren, die viel zu lange dauern. Das muss gestrafft und vereinfacht werden, unter anderem durch Privilegierung.
Warum durch Privilegierung?
Mit der Ausweitung der Privilegierung zum Beispiel für Agri-PV oder kleine Freiflächenanlagen können Genehmigungsverfahren deutlich vereinfacht und beschleunigt werden. Dies sollte insbesondere auch für Batteriespeicher gelten, aber auch für Solarthermie-Kraftwerke zur Fernwärmeerzeugung. Es wäre ein riesiger Beitrag zum Bürokratieabbau, wenn wir über das Baugesetzbuch einen Standard für die Genehmigung definieren und die Anlagen privilegieren. In diesem Bereich können wir vor allem bei den Speichern noch sehr viel mehr machen.
Die Rahmenbedingungen für Speicher wurden mit der jüngsten Energierechtsnovelle verbessert. Was müsste darüber hinaus geschehen?
Das Solarspitzengesetz, das von der scheidenden Bundesregierung aus Rot und Grün und der kommenden Bundesregierung aus CDU und CSU gemeinsam verabschiedet wurde, enthält schon erste Ansätze für eine deutlich verbesserte Nutzung von Speichern. Aber das ist nur der erste Schritt. Wir müssen bei der Installation von Speichern viel schneller und besser werden. Die Speicher müssen unbegrenzt bidirektional ladbar sein. Sie müssten im Baurecht umfassend privilegiert werden. Ihre Netzanschlüsse sind schnell zu genehmigen. Und wir müssen natürlich weg von den willkürlich festgelegten Baukostenzuschüssen und anderen Abgaben. Hier setzen wir auf das Versprechen der Union zum Bürokratieabbau und zur Minderung der Abgabenlast.
In den Kommunen ist die Unsicherheit groß. Sie werden plötzlich mit Solarparks konfrontiert, die für sie planerisches Neuland sind. Würde Standardisierung weiterhelfen?
Es gibt schon Modelle, wie man den Kommunen unter die Arme greifen kann. In Bayern gibt es beispielsweise bei den Regionalpräsidien Stellen, an die sich die Gemeinden wenden können. Das ist durchaus sinnvoll. Natürlich dürfen die Gemeinden nicht im Regen stehen gelassen werden.
Was könnte die Solarbranche tun, um unabhängiger von politischen Unsicherheiten zu werden?
Die Solarbranche kann unglaublich stolz sein auf ihre Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit. Kaum eine andere Branche in Deutschland hat es vermocht, so harte Widerstände zu meistern, mit so harten Begleitmaßnahmen umzugehen wie die Photovoltaik. Die Überzeugung war immer da, dass die Solartechnik zum Herz der Stromerzeugung wird. Die Branche hat das konsequent verfolgt und immer die veränderten Anforderungen aus der Politik umgesetzt. Die jetzige Aufgabe ist die Marktintegration. Auch diese Aufgabe werden wir lösen.
Wie kann das gelingen?
Die Branche hat schon verschiedene Entwicklungen in dieser Richtung angestoßen. Die direkte Stromvermarktung mittels Power Purchase Agreements, also PPA, ist inzwischen ein etabliertes Finanzierungsmodell. Auch der Verbrauch des produzierten Solarstroms vor Ort – jüngst noch geschmäht und aktiv bekämpft – macht Aufdachanlagen wirtschaftlich, zunehmend auch ohne Einspeisevergütung. Dies wird jetzt durch komplette Gebäudeenergiekonzepte erweitert, in deren Mittelpunkt der Solarstrom steht. Dies wird über diese Gebäudeenergiekonzepte auch in den Städten ankommen und dort den Zubau vorantreiben. Wir sind längst in diesem Prozess zur Marktintegration, auch durch die Sektorkopplung und die Speichertechnologie. Dabei hilft auch die jüngst verabschiedete Energierechtsnovelle weiter, das sogenannte Solarspitzengesetz, das wir als Verband flankiert haben.
Inwiefern?
Das Gesetz beinhaltet zwar auch einige Härten für die Photovoltaikbranche. Doch es enthält auch die Möglichkeit, dass Speicher auf Preissignale an der Strombörse reagieren und ihre Fahrweise entsprechend anpassen können. Dies ist der nächste Schritt, um die Abhängigkeit vom Erneuerbare-Energien-Gesetz weiter zu verringern.
Brauchen wir das EEG überhaupt noch?
Natürlich spielt das EEG noch eine wichtige Rolle. Es ist aber mehr als die Berechnung der anzulegenden Werte oder die Marktprämie. Es hat vor allem die Funktion, die Finanzierung der Projekte abzusichern. Wir sind in einem Übergang. Die Branche leistet bereits heute das, was sicherlich auch von der jetzt zu bildenden Bundesregierung immer stärker als Anforderung formuliert wird.
Was ist zu tun, um den Markt zu entwickeln?
Nun ist es an der Politik, durch Stabilität bei den Rahmenbedingungen, durch Bürokratieabbau, durch Senkung der Abgaben und Umlagen auch dazu beizutragen, dass die Solarbranche diesen marktwirtschaftlichen Weg weitergehen kann.
Die Marktintegration wird ohne Smart Meter kaum gelingen. Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei der Integration?
Richtig. Die intelligente Verzahnung der einzelnen Energiewendetechnologien und eine stärkere Marktintegration setzen umfangreiche Digitalisierung und schnelle Kommunikationsprozesse voraus.
Was fehlt zur Digitalisierung?
Wir haben keine massentaugliche Marktkommunikation. Hier ist dringendes Handeln geboten. Hier gibt es ein breites Betätigungsfeld für die nächste Bundesregierung. Denn die Digitalisierung und im ersten Schritt der Rollout von
Smart-Meter-Gateways brauchen einen verbindlichen Rahmen. Ich bin nicht sehr glücklich darüber, dass die umlegbaren Preise für die Smart-Meter-Gateways erhöht wurden.
Wird die Blockade beim Rollout der Smart Meter nun endlich aufgelöst?
Wir als Verband verbinden mit den bisherigen Schritten auch die Hoffnung, dass dadurch der Rollout nun endlich in Gang kommt. Er wird nämlich dringend benötigt. Er wird für den Ausbau der Photovoltaik noch einmal einen erheblichen Schub bringen und ihr auch nutzen. Denn das, was das Smart-Meter-Gateway leisten kann, ist essenziell für die Flexibilisierung und den Einsatz der Photovoltaikanlagen im Gesamtenergiesystem.
Die Kosten für die Smart Meter sind gestiegen. Gleichzeitig ermöglichen sie die bessere Nutzung von mehr Solarstrom. Kann dieser Vorzug die gestiegenen Kosten ausgleichen?
Wenn die Photovoltaik-Speicher-Kombinationen mit Smart Metern beispielsweise in der Lage sind, auf die Preissignale der Strombörse zu reagieren, und Strom einspeisen und verkaufen, wenn Strom besonders wertvoll ist, ist das ein Gewinn. Dies bringt natürlich das gesamte System voran. Insofern sehe ich da einige Dinge, die uns weiterbringen und nutzen werden.
Das Interview führte Sven Ullrich.
https://www.solarwirtschaft.de/

Foto: BSW-Solar

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